German Angst und die skandinavische Lösung für digitale Identitäten

Die „German Angst“ ist seit Jahren im Ausland ein feststehender Begriff. Diesen für Deutschland so typischen Bedenken hat die diesjährige eintägige Konferenz FinForward, die im Rahmen der größten Fintech-Veranstaltung Deutschlands namens Fintech Week in Hamburg stattfindet, ihren Schwerpunkt gewidmet. Einige der Vorträge befassen sich mit dem Thema, wie die Digitalisierung in Deutschland im Zuge der digitalen Transformation Europas beschleunigt werden kann. Wenn es um die elektronische Identifizierung und den Einsatz digitaler Identitäten (eIDs) geht, schaut Deutschland mit Bewunderung auf die Erfolge in den skandinavischen Ländern.

Deutsche Ängste und verlorenes Vertrauen

Vertrauen ist ein fundamentaler Baustein einer Gesellschaft. Es trägt nicht nur zum langfristigen Wohlstand, sondern auch zur wirtschaftlichen Entwicklung bei. Die Zunahme dieser Art von Vertrauen kann auf viele sozioökonomische Faktoren zurückgeführt werden. Hierzu gehören Landesgeschichte, Vielfalt einer Gesellschaft, stabile politische Verhältnisse oder eine florierende Wirtschaft. Laut den Ergebnissen des renommierten World Values Survey ist in den skandinavischen Ländern das Vertrauen in die Gesellschaft am höchsten. Norwegen, aber auch die Niederlande belegen in diesem Ranking die Spitzenplätze. Unter den befragten Personen stimmten 73 Prozent der Norweger und 66 Prozent der Niederländer der Aussage zu, dass sie den meisten Mitmenschen vertrauen. Im Gegensatz dazu stimmten in Deutschland nur 42 Prozent dieser Aussage zu – dicht gefolgt von den 38 Prozent der Befragten im vom Krieg gebeutelten Jemen. 30 Jahre nach der friedlichen Wiedervereinigung stellt sich die Frage: Worauf ist diese Angst der Deutschen im 21. Jahrhundert zurückzuführen?

Neben gesellschaftlichen Ängsten gibt es ein wachsendes Misstrauen gegenüber den Institutionen in Deutschland. Die Financial Times hat vor Kurzem berichtet, dass die Deutschen zunehmend das Vertrauen in Institutionen wie die Kirchen, die Gewerkschaften oder die Polizei verlieren. Die Erkenntnisse stützen sich auf eine Umfrage, in denen die Teilnehmer nach ihrer Meinung zu 26 Institutionen gefragt wurden. Unter diesen genießt die Polizei das höchste Vertrauen. Banken und Manager rangierten auf den letzten Plätzen. Ihre Werte sanken 2019 sogar im Vergleich zum Vorjahr. Nur die Medien konnten zwischen 2018 und 2019 neues Vertrauen dazugewinnen. Ganz im Gegensatz zu den Schulen, den Gewerkschaften, der Polizei, der Bundeswehr oder der katholischen Kirche, die ihre Stellung weiter verschlechterten.

Ängste in der digitalen Welt

Mit der zunehmenden Verbreitung digitaler Ökosysteme wachsen auch die Bedenken gegenüber der Digitalisierung. Das ist besonders im Bereich persönlicher Daten der Fall – und die Bedenken scheinen nicht unbegründet. Eine repräsentative Umfrage von Bitkom Research von 2017 belegt, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung jeder zweite deutsche Internetnutzer in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Cyberkriminalität war. Laut der Studie des McKinsey Global Institute von April 2019 entstanden allein 2017 in den USA Schäden in Höhe von 16,8 Milliarden USD durch Identitätsdiebstahl. Das ist ein Anstieg von 8 Prozent gegenüber 2016. Ähnliche Zahlen präsentiert die 2017 veröffentlichte Studie der US-amerikanischen IT-Sicherheitsunternehmens Norton by Symantec. Darin wird bestätigt, dass die deutschen Internetnutzer mit 38 Prozent besonders von Cyberkriminalität betroffen sind. Dadurch entstand in Deutschland ein Schaden in Höhe von 2,2 Milliarden EUR. Der Anstieg des Identitätsdiebstahls wird grenzübergreifend wahrgenommen, weshalb die Angst der Konsumenten vor Cyberkriminalität von 51 Prozent (2016) auf 69 Prozent (2017) angestiegen ist.

Da wir immer mehr Dinge im Alltag online erledigen, werden elektronische IDs (eIDs) in den nächsten Jahren eine bedeutende Rolle spielen. eIDs haben das Potenzial, traditionelle Ausweisverfahren mit Pass, Führerschein oder anderen Ausweisdokumenten abzulösen und eine komfortablere und sichere Form der Identifikation bereitzustellen. Auch wenn fast alle deutschen Staatsbürger über einen neuen Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion (nPA) verfügen, sind ihnen digitale Identitäten so gut wie kein Begriff. Einige behaupten sogar, dass nur 5 Prozent von den digitalen Möglichkeiten des Personalausweises wissen. Im Vergleich dazu liegt die Nutzung in Norwegen bei 80 Prozent. Rechnet man die nicht infrage kommenden Personen wie Kinder heraus, liegt die Zahl sogar bei knapp 93 Prozent.

Mit dem skandinavischen Modell digitale Ängste beseitigen

Wie gelang es Norwegen also, ein erfolgreiches System für digitale Identitäten einzuführen? Anfang der 2000er-Jahre haben sich die skandinavischen Banken dazu entschieden, eine gemeinsame Plattform zu entwickeln. Mit dieser Lösung wollten sie die bestehenden Geschäfte optimieren, ihren Kunden effizientere und umfassendere Services zur Verfügung stellen und neue Geschäftsmodelle erschließen, die auch außerhalb des Finanzsektors genutzt werden können. Im Wettbewerb sollten nicht die digitalen Identitäten, sondern die Finanzprodukte im Mittelpunkt stehen. Es waren also die Banken, die die Entwicklung vorantrieben. Dank Institutionen wie dem norwegischen Bildungswesen, das die Institutionalisierung von eIDs unterstützte, verwenden die Norweger heute im Durchschnitt 5 bis 10 Mal die Woche ihre BankID, die einen ähnlichen Funktionsumfang aufweist wie der nPA.

Trotz anfänglicher Bedenken und Zweifel gegenüber der Markeinführung einer solchen umfassenden Lösung sehen die skandinavischen Banken ihre eID-Systeme heute als Wertgenerator für ihr Geschäft – und als Produkt, von dem viele andere Services profitieren können.

Lesen Sie mehr über das skandinavische Modell auf dem Blog von Signicat und in dieser exklusiven Fallstudie wird detailliert untersucht, wie Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark erfolgreiche eID-Lösungen entwickelt haben. Die skandinavischen Länder nehmen eine Vorreiterrolle ein, wenn es um die Akzeptanz von eIDs geht. Für den Rest der Welt ist es daher essenziell, von diesen Ländern zu lernen.

In dieser Fallstudie erfahren Sie:

  • Die zahlreichen Vorteile eines erfolgreichen eID-Systems
  • Warum eine breite Zusammenarbeit wichtig ist
  • Wie Sie eine eID-Lösung sicher und vertrauenswürdig umsetzen

Kurt Rindle

Kurt Rindle

Signicat Solution Sales Director for the DACH region

November 07 2019